Das kam überraschend: Am 20. März wurde bekannt, dass Tom Tailor seine kriselnde Tochter Bonita verkauft − ausgerechnet an die niederländische Holding Victory&Dreams. Diese ist seit Anfang des Jahres mit Insolvenzanträgen in den Schlagzeilen, weil ihr Filialkonzept Miller&Monroe in Deutschland und in den Niederlanden ins Straucheln geraten ist. Das sind die wichtigsten Details über die verschachtelte Holding.

Die Gründung der Holding
Leicht ist die Historie der recht jungen Holding nicht zu durchschauen: Das liegt an den diversen Töchtern des Unternehmens und der Verschwiegenheit der Geschäftsführer. Doch ein Blick ins Handelsregister zeigt, dass Victory&Dreams am 7. April 2016 gegründet wurde. Der Sitz ist in Amsterdam. Laut Register agiert das Unternehmen in den Bereichen Kaufhäuser sowie Online-Handel mit NonFood und ist mit Finanzholding-Gesellschaften aktiv. Eine Website sucht man vergeblich, unter der im Handelsregister hinterlegten URL: www.victoryanddreams.com gelangt man lediglich auf eine Index-Seite ohne Inhalt und Impressum.
Es steht allerdings fest, dass hinter Victory&Dreams wiederum die Phim Holding steckt: Ein Unternehmen von Philippe Hes aus der Textilfamilie Hes, zu der unter anderem die Modeunternehmen Zaza und Skooter gehören.

Erste Schritte: Übernahme von Charles Vögele Netherlands
Zum ersten Mal in Erscheinung tritt Victory & Dreams erst knapp ein Jahr nach der Gründung, im März 2017 – allerdings nur im Hintergrund durch seine Tochter Vidrea Retail BV, die im niederländischen Breukelen sitzt. Sie übernahm die niederländischen Filialen des Schweizer Modeunternehmen Charles Vögele. Die Tochtergesellschaft Charles Vögele Netherlands BV meldete am 27. Januar 2017 Insolvenz an, nachdem sie der Schweizer Modehändler vom italienischen Konsortium Sempione Retail übernommen hatte. Vidrea gab damals an, bis zu 90 der 95 Filialen weiterzuführen. Unter welchem Namen und mit welchem Konzept war bis dahin unklar.

Medienberichten zufolge ist der mehrfache Modeunternehmer Remt Melles (laut Presse Gründer der Modefirma A&Q Fashion, Geschäftsführer u.a. bei Lowland Fashion und MS Mode) Geschäftsführer der Vidrea Retail BV.

Die Geburt von Miller & Monroe
73 der 95 niederländischen Stores von Charles Vögele verwandelte Vidrea tatsächlich in ein Multi-Brand-Konzept: Im Herbst 2017 wurden die Läden zu Miller & Monroe.

Miller & Monroe zielt mit seinem Sortiment auf Kunden über 40 Jahre. Gesetzt wird nicht nur auf Eigenmarken. Ins Sortiment wurden auch Labels wie Lerros, Zerres, Clarina, Fransa und Tom Tailor sowie Witteveen aufgenommen. Zusätzlich zu Bekleidung werden in den Filialen auch Lifestyle-Artikel der niederländischen Marke Mica sowie Wohnzubehör wie Vasen, Teppiche und Kleinmöbel verkauft.

Die nächste Übernahme
Zwischenzeitlich vergrößerte sich Victory & Dreams weiter. Im August 2017 wurde bekanntgegeben, dass die Holding das holländische Damenmodeunternehmen Witteveen Mode aus der Insolvenz heraus gekauft hat. Laut Medienberichten, die aus dem Insolvenzbericht zitieren, haben die zum Großteil unbekannten Investoren rund um Victory & Dreams Chef Philippe Hes nur etwas mehr als 1 Mio. Euro für das Unternehmen bezahlt.

Expansion nach Deutschland
Im März 2018 war dann auch in Deutschland Schluss mit Charles Vögele. Die Investorengruppe um Sempione Fashion und den italienischen Bekleidungsfilialisten OVS stieß die restlichen 200 deutschen Stores mit 1.800 Mitarbeitern ab wieder an die Macher von Miller & Monroe. Damit feierte Victory & Dreams den Markteintritt in Deutschland. Von April bis September 2018 sollten alle ehemaligen Vögele-Filialen auf das Miller-&-Monroe-Konzept umgestellt werden.

In der Geschäftsführung änderte sich nicht viel: Der ehemalige General Manager der Charles Vögele DeutschlandGmbH, Armin Funk, wurde gemeinsam mit seinem Charles Vögele-Kollegen Olaf Greife Geschäftsführer der neuen Victory-and-Dreams-Tochter Vidrea Deutschland im badenwürttembergischen Sigmaringen und damit Chef von Miller & Monroe. Kurz nach der Übernahme gab sich Funk noch sehr optimistisch: „Mit der Übernahme und der Tatsache, dass das in den Niederlanden sehr erfolgreiche Mehrmarkenkonzept von Miller & Monroe in Kürze auch in Deutschland umgesetzt wird, bin ich äußerst zufrieden. Durch diese Übernahme können in Zukunft wichtige Synergievorteile in den Bereichen Einkauf, Marketing und Logistik realisiert werden.“ Ende des Jahres strichen die beiden allerdings schon die Segel. Im Dezember verließen Funk und Greife das Unternehmen. Heute ist Alexander (Lex) Hes als Geschäftsführer im Handelsregister eingetragen: Er ist der Vater von Philippe Hes.

Noch ein Kauf
Während in Deutschland die Umbauten der Vögele-Filialen liefen, war Victory & Dreams in den Niederlanden nicht untätig. Im August rettete die Holding ein weiteres Label aus der Insolvenz: Men at Work. Die Pläne für die Weiterführung der Filialen: „Die Übernahme von Men At Work ist eine schöne Ergänzung unserer Standorte. Wir sehen auch gut Möglichkeiten für Synergien. Langfristig werden die Eigenmarken von Men At Work wie Airfield, OTR und 8MM auch in den Stores von Miller & Monroe verkauft“, sagt Philippe Hes, Direktor der Victory & Dreams Holding. „Wir werden Men At Work in Shop-in-Shops in unseren Geschäften präsentieren.“

Insolvenzanträge: Miller & Monroe in finanzieller Schieflage
Würde man die Historie nur bis zu diesem Punkt verfolgen, liefe es für Victory & Dreams wie am Schnürchen: Die Holding vergrößert sich stetig und expandiert mit Miller & Monroe nach Deutschland. Doch bereits kurze Zeit nach dem Deutschlandstart machen schlechte Nachrichten die Runde. Nicht einmal ein Jahr lang konnte sich das Multi-LabelKonzept auf dem deutschen Markt behaupten: Miller & Monroe geriet in finanzielle Schieflage.

Anfang März 2019 wurde bekannt, dass sich die Betreibergesellschaft Vidrea Deutschland mit 163 Filialen im vorläufigen Insolvenzverfahren befindet. Das Amtsgericht Hechingen hat am 1. März einem entsprechenden Antrag stattgegeben. Zum vorläufigen Insolvenzverwalter wurde Rechtsanwalt Jochen Sedlitz von der Stuttgarter Kanzlei Menold Bezler bestellt. Nach Angaben von VidreaDeutschland-Geschäftsführer Alexander Hes ist die Insolvenz eine Konsequenz aus finanziellen Altlasten von Charles Vögele. „Das Konzept Miller & Monroe ist gut und tragfähig. Wir sehen das auch in unseren Filialen außerhalb Deutschlands und aus dem zurückliegenden Jahr. Die wirtschaftliche Lage der vormaligen Charles Vögele GmbH, der die deutschen Filialen gehörten, war bei der Übernahme durch die Victory & Dreams Gruppe deutlich schlechter, als dargestellt“. Wie ein Sprecher von Victory & Dreams gegenüber der TextilWirtschaft angibt, werden infolge der Insolvenz nur wenige Miller-&-Monroe-Filialen in Deutschland übrig bleiben.

Nicht betroffen waren vom Insolvenzvertrag die niederländischen Filialen, schrieb die Kanzlei in einer Mitteilung. Doch das scheint sich innerhalb weniger Tage geändert zu haben. Wie die Online-Ausgabe des niederländischen Magazins Retailtrends (retailtrends.nl) unter Berufung auf die Wirtschaftszeitung Het Financieele Dagblad (FD) fast zeitgleich mit der Bonita-Übernahme meldete, haben mehrere Gläubiger der Vidrea Retail BV in den Niederlanden ein Insolvenzverfahren des Modeunternehmens beantragt.

Für den Rechtsanwalt Wolfgang May von dem auf die Bekleidungsbranche spezialisierten Dienstleister Modint Credit & Finance aus Kleve ist eine potenzielle Schieflage der niederländischen Vidrea in den Niederlanden kein Widerspruch zum Bonita-Kauf. Denn ein Insolvenzantrag in Holland zeuge nicht zwangsweise von einer extrem drastischen Situation. „Anders als in Deutschland haften niederländische Gläubiger nicht in dem Umfang für die Verfahrenskosten, wenn sie einen Insolvenzantrag stellen. Er ist zwar auch nicht kostenlos, aber immer noch billiger als die Kosten für ein normales Klageverfahren auf Zahlung der offenen Forderung. Auch ein mit der Insolvenzvanfechtung vergleichbares Instrument beschränkt sich in den Niederlanden nur auf zwölf Monate – in Deutschland auf 10 Jahre.“

Aus diesem Grund seien die Hemmungen, einen Antrag zu stellen, viel niedriger als hierzulande. „In Holland ist der Insolvenzantrag eines Gläubigers viel mehr ein Instrument des Inkassos, Lieferanten wollen oft damit Gelder eintreiben. Er führt nicht immer zwangsläufig zur Eröffnung eines Insolvenzverfahrens wie in über 90% der Fälle in Deutschland, sondern zur Zahlung der Schuld und Rücknahme des Insolvenzantrages.“

Der Kauf von Bonita
Umso mehr überrascht die Nachricht, dass Victory & Dreams die strauchelnde Tom Tailor-Tochter Bonita gekauft hat. Über den Kaufpreis „haben die Parteien Stillschweigen vereinbart“, wie Tom Tailor mitteilt. Die neue Besitzerin habe ein Weiterführungskonzept für die Marke und den Standort in Hamminkeln vorgestellt und soll „insbesondere in Zusammenarbeit mit dem Filialisten Witteveen (…) ihr volles Potenzial entfalten können“, so Tom Tailor-CEO Heiko Schäfer weiter. Wie der Victory & Dreams-Sprecher angibt, sollen Witteveen und Bonita, die in Holland bislang als größte Konkurrenten galten, zum einen Teil von Miller & MonroeFilialen werden. Zum anderen sollen in Zukunft beide Marken in Holland und Deutschland vertreten sein: Dafür werden einige Bonita-Filialen zu Witteveen und Witteveen-Filialen zu Bonita.

Quellenangabe: textilwirtswchaft.de